Von den Toten auferstanden

Papa wurde nun vorsichtiger im Umgang mit den Russinnen. Dennoch blieb das besondere Vertrauensverhältnis zwischen ihm und den Frauen nicht unbemerkt. Zu viele Augen beobachteten ihn. Und da er für diese schwierige Aufgabe zu gutgläubig war, wurde er oft von den Frauen überredet, sich für Forderungen einzusetzen, die keine Aussicht auf Erfolg hatten und die Vorgesetzten verärgerten.

Auch bei den Kollegen kam er mit der Zeit ins Gerede, weil er ständig bemüht war, die Arbeitsbedingungen der Russinnen menschlicher zu machen und für Verbesserungen im Lager zu sorgen. Immer häufiger warf man ihm vor, daß er sie »mit Samthandschuhen« anfasse und sie dazu veranlasse, sich bei jeder Kleinigkeit zu beschweren. Wohlgesinnte Kollegen warnten ihn, aber er nahm solche Warnungen offenbar nicht ernst genug. Einmal sogar paßte ihn eine Sekretärin der Personalabteilung auf dem Flur ab, um ihm zu sagen, daß man seit einiger Zeit Belastungsmaterial gegen ihn zusammentrage.

Schließlich machte man ihn für alles, was die russischen Frauen betraf, verantwortlich: zu häufige Arztbesuche, Diebstähle, Streitigkeiten der Frauen mit deutschen Arbeitern, zu hoher Ausschuß in der Produktion. Trotzdem wollte er die Frauen nicht im Stich lassen. Er meinte, sie könnten ohne ihn nicht auskommen. Vielleicht glaubte er auch, daß man einen alten Mann nicht so schnell belangen werde.

Um so mehr war er deshalb von dem überrascht, was am 7. Dezember 1943, wenige Tage vor seinem dreiundsiebzigsten Geburtstag, geschah. Als Papa am Morgen dieses Tages mit den Frauen, wie üblich, kurz vor acht Uhr in Sachsenhausen ankam, teilte man ihm mit, in der Personalabteilung warte die Gestapo, diesmal aber nicht wegen einer Russin, diesmal warte sie auf ihn.

Im Personalbüro erklärten ihm die beiden Beamten, daß er vorläufig festgenommen sei und zum Verhör ins Hauptquartier der Geheimen Staatspolizei in die Lindenstraße mitzukommen habe. Er durfte weder an seinen Spind im Umkleideraum gehen noch Kontakt mit Kollegen aufnehmen und auch mit niemandem vom Büro sprechen. Die Gestapobeamten schlugen ihm sogar die Bitte aus, seine Frau von der Festnahme zu unterrichten. Dem Leiter der Personalabteilung wurde ausdrücklich verboten, unsere Familie zu verständigen. Das werde die Gestapo zu gegebener Zeit selbst tun, erklärte einer der Männer.

Trotzdem erfuhren wir es noch am gleichen Vormittag. Eine Frau aus dem Betrieb, vermutlich war es die gleiche Sekretärin, die Papa schon einmal gewarnt hatte, kam zwei Stunden später in die Kaiserhofstraße. Sie berichtete im Halbdunkel des Treppenhauses meiner Mutter, die sich allein in der Wohnung befand und ihr die Tür öffnete, was geschehen war, und verschwand schnell wieder. Damit ging sie ein großes Risiko ein - und sie tat es, obwohl sie Papa kaum kannte.

 

Mit dem Auto brachte man ihn in die Lindenstraße. Er mußte in einem abgeschlossenen Raum zu ebener Erde warten, in dem nur ein Tisch und ein paar Stühle standen. Während dieser Zeit war er allein, hatte Herzklopfen und Schweißausbrüche und überlegte fieberhaft, was ihm die Gestapo vorzuwerfen habe. Weder im Betrieb noch im Russenlager war in den letzten Wochen etwas Besonderes vorgefallen.

Papa dachte nicht daran, daß nur ein winziger Tropfen, vielleicht eine Routinebeschwerde, das Maß vollgemacht und die Meldung bei der Gestapo ausgelöst haben könnte.

Nach mehr als zwei Stunden holte man ihn endlich zum Verhör. Drei Beamte waren in dem Vernehmungszimmer anwesend, die beiden, die ihn aus Sachsenhausen hierhergebracht hatten, und ein weiterer, offenbar ein höherer Dienstgrad, der auch am Schreibtisch saß und das Verhör führte. Die beiden anderen standen im Hintergrund am Fenster oder setzten sich auf ein Sofa an der seitlichen Wand, machten sich Notizen und redeten nur selten.

Mein Vater saß mitten im Raum auf einem Stuhl, weit vom Schreibtisch entfernt, und hatte das Licht vom Fenster voll im Gesicht, so daß er den vernehmenden Gestapomann nur undeutlich sehen konnte.

Nach der Feststellung seiner Personalien, noch bevor das eigentliche Verhör begann, erfuhr mein Vater, daß in der Zeit zwischen acht und zehn Uhr das Lager der russischen Frauen in der Uhlandstraße durchsucht worden sei. Unter anderem, so sagte der Gestapobeamte, habe man Lesestoff beschlagnahmt, der noch zu prüfen sei, und er schlug mit der flachen Hand auf einen kleinen Stoß Bücher und Hefte auf der Ecke seines Schreibtischs, alle in kyrillischer Schrift.

Danach hielt er meinem Vater einen ganzen Katalog von Beschuldigungen vor, die fein säuberlich handgeschrieben und numeriert auf einem Blatt standen, das vor ihm lag, und die er mit der Numerierung Punkt für Punkt vorlas. Der Beamte erwähnte auch, daß die Meldung von der Geschäftsleitung der Firma gekommen sei. Das war Papa mittlerweile klar, denn niemand anders hätte so viele betriebsinterne Vorfälle als Belastungsmaterial gegen ihn zusammentragen können. Er wußte ja von der Zusammenarbeit der Gestapo mit der Personalabteilung. Die bedrohlichste Beschuldigung war die der Sabotage und Wehrkraftzersetzung. Er ermuntere fortlaufend die Fremdarbeiterinnen, sich krank zu melden oder sich über ihre angeblich schlechten Arbeitsbedingungen zu beschweren; außerdem wurde ihm vorgehalten, er decke die meisten ihrer Verfehlungen. Weiterhin beschuldigte man ihn, den Russinnen häufig Lebensmittel und abgelegte Kleidungsstücke von uns mitzubringen und sie mit Medikamenten zu versorgen, was ihm ausdrücklich untersagt worden war; auch habe er Bücher mit ins Lager genommen, die nicht vorher von der zuständigen Gestapostelle überprüft worden seien; schließlich mißbrauche er seine Sondergenehmigung und nehme stets mehr Fremdarbeiterinnen mit nach Hause als erlaubt. Papa sei sich wohl noch immer nicht darüber klargeworden, hielt der Gestapomann ihm vor, daß sich das ganze deutsche Volk in einer Schicksalsstunde befinde, überall sei Krieg, an der Front und in der Heimat. Der Feind, das seien nicht nur die russischen Soldaten, das seien alle Russen, auch die Fremdarbeiter in Deutschland. Papa hatte sich auf eine peinliche Befragung gefaßt gemacht, statt dessen hörte er einen Vortrag über die Kriegslage und das Feindbild. Wahrscheinlich glaubten die Gestapoleute, mit dieser Art der Einschüchterung einen alten, vor Angst zitternden Mann am ehesten zum Reden zu bringen. Papa überhörte aber nicht den drohenden Unterton, der in dem ganzen Vortrag lag. Danach sperrten sie ihn nicht mehr in den Raum zu ebener Erde ein, sondern brachten ihn in eine kleine Zelle im Keller. Der Gestapokeller in der Lindenstraße war berüchtigt und gefürchtet. Viele Kommunisten, Sozialdemokraten und andere Hitlergegner waren in ihm gefoltert und zu Aussagen über ihre illegalen Verbindungen erpreßt worden, etliche fanden hier den Tod. Papa hatte selbst einen jungen Kommunisten gekannt, der sich aus Angst vor weiteren Quälereien in einer Zelle dieses Kellers erhängt haben soll. Nun hatte er auch Zeit, über die ihm zur Last gelegten Vorwürfe nachzudenken. Am stärksten beschäftigten ihn dabei die Beschuldigungen, die mit dem Lagerleben der Russinnen zusammenhingen. Eine der Frauen mußte ihn angezeigt haben, denn daß Papa ihnen Kleider, Lebensmittel und Medikamente besorgt hatte, wußten nur sie. Für eine solche Denunziation kam nach seiner Überzeugung nur eine bestimmte Frau in Frage, die er schon länger in Verdacht hatte.

 

Sie war Mitte Dreißig und die älteste der Frauen. Gegenüber den meist bäuerlich derben Typen der anderen Zwangsarbeiterinnen wirkte sie zierlich und schlank. Sie kam aus Sewastopol auf der Halbinsel Krim und sprach als einzige der Russinnen ein paar Worte Deutsch. Zur Erklärung dafür sagte sie meinem Vater, sie sei einige Monate in einer Offiziersunterkunft der deutschen Wehrmacht beschäftigt gewesen und habe das dort gelernt. Sie war eine der ersten Frauen, die Papa mit nach Hause brachte. Ihm imponierte ihre städtische Art, ihre Bildung und ihre Belesenheit. Auch politisch schien sie sehr interessiert.

Es war mir schon ein paarmal aufgefallen, daß sie mir, während sie sich mit Mama auf russisch unterhielt, zulächelte und auch sonst ihre Sympathie zeigte. Eines Abends, als sie wieder einmal mit drei anderen Frauen bei uns war, erklärte sie nach dem Abendessen, es sei ihr nicht gut, sie wolle gehen. Sie fragte, ob ich sie nach Hause bringen könne. Ich beeilte mich, ja zu sagen, denn ich ahnte, daß das auf ein angenehmes Erlebnis hinauslief. Und so war es auch. Ohne viele Worte - ich sprach kein Russisch, und mit den wenigen deutschen Worten, die sie kannte, ließ sich auch nicht sehr viel erklären - kamen wir uns unterwegs schnell näher. Aber da wir mit Küssen und Anfassen nicht genug hatten, brauchten wir nun auch einen ungestörten Platz. Ich erinnerte mich, daß in den Grünanlagen des Mains zwischen der Neuen und der Obermainbrücke einige durch Holunderbüsche gut abgeschirmte Bänke standen. Dorthin gingen wir. Hier hatte ich schon einmal mit Ionka eine Nacht verbracht, und es war von hier nicht mehr weit bis zum Lager in der Uhlandstraße.

Plötzlich hörte ich in unmittelbarer Nähe Schritte und Stimmen. Erschrocken fuhren wir auseinander und brachten hastig unsere Kleider in Ordnung. Jetzt sahen wir auch, was wir vorher nicht bemerkt hatten, daß knapp fünf Meter von uns entfernt, nur durch eine dichte Hecke getrennt, sich noch ein anderes Pärchen geliebt hatte, aber in dem Augenblick von einer Polizeistreife überrascht worden war.

Während die Beamten sich mit den Ausweispapieren der beiden beschäftigten, zog ich die Russin schnell und leise davon. Wir liefen durch die Büsche auf einen Parallelweg und gelangten, von den Polizisten unbemerkt, an der alten Stadtbibliothek wieder auf die Uferstraße.

Eine Ausweiskontrolle hätte für uns beide zur Katastrophe geführt. Doch meine Begleiterin schien die Gefahr, in der wir uns befunden hatten, gar nicht richtig erkannt zu haben. Sie war fröhlich und gesprächig und wollte in einer Toreinfahrt der gut verdunkelten Uhlandstraße das Spiel fortsetzen. Wir hatten noch über eine halbe Stunde Zeit. Aber für diesen Abend war mir alle Lust vergangen. Ich versprach der enttäuschten Russin, sie, sobald es ging, wieder nach Hause zu begleiten, und brachte sie an den Eingang des Lagers, wo sie sich bei dem alten Nachtwächter zurückmeldete.

Aber ich bekam keine Gelegenheit mehr, sie noch einmal zu sehen. Andere russische Frauen warnten Papa. Sie sagten, diese Russin sei bestimmt nicht zwangsverschleppt worden, sondern habe sich freiwillig nach Deutschland gemeldet, weil sie in Sewastopol mit deutschen Offizieren verkehrt sei, weshalb man sie in ihrer Heimatstadt verachte und anfeinde. Ihre Zwangsverpflichtung nach Deutschland sei eine Flucht vor den eigenen Landsleuten gewesen. Die Frauen waren überzeugt, sie würde die anderen Lagerinsassen bespitzeln. Außerdem berichtete ein älterer Schlosser, dem diese Russin bei der Arbeit zugeteilt war, sie habe ihm erzählt, ihr Mann sitze aus politischen Gründen in einem sowjetischen Zuchthaus, ihr Bruder kämpfe in der Wlassow-Armee gegen die Russen und sie selbst wünsche, die Deutschen würden den Krieg gewinnen.

Von da an nahm Papa sie nicht mehr mit in die Kaiserhofstraße. Es war ein großes Glück für uns, daß sie zu den ersten der Frauen gehört hatte, die zu uns in die Wohnung gekommen waren, denn zu dieser Zeit hatte er es noch nicht gewagt, in ihrer Gegenwart Radio Moskau anzustellen. Auch die Gespräche beim Abendessen waren politisch noch recht harmlos. Es war also naheliegend, daß Papa von dieser Russin denunziert worden war, der er so deutlich sein Vertrauen entzogen hatte und die sich dafür rächte.

Eine Stunde mußte er in der vergitterten Zelle warten, bis man ihn ein zweites Mal holte. Er wußte genau, wie spät es war, er konnte es auf seiner Taschenuhr ablesen, denn ihm war nichts weggenommen worden. Man brachte ihm auch etwas zu trinken, und man schlug ihn nicht und wandte auch keine anderen körperlichen Pressionen an, um ihn zum Reden zu bringen. Das war bei einem Dreiundsiebzigjährigen wohl nicht mehr nötig. Man behandelte ihn - wenn dieser Ausdruck auf die Gestapo überhaupt anwendbar ist - korrekt.

Jetzt erst, bei der zweiten Vorführung, begann das eigentliche Verhör. Die Gestapoleute versuchten, ihn mit Drohungen zum Reden zu bringen, schrien ihn an oder versicherten ihm zynisch, er werde so lange in ihrem Verwahrsam bleiben, bis er Punkt für Punkt die Vorwürfe zugegeben oder entkräftet habe.

Beim dritten Mal - wieder mußte er über zwei Stunden in der vergitterten Zelle im Keller warten - wurden ihre Drohungen noch massiver. Wenn er nicht die Wahrheit sage oder etwas verschweige, könne er sicher sein, ins Gefängnis oder sogar ins Konzentrationslager zu kommen.

Zwischendurch forderte ihn ein Gestapomann auf, aus dem Bücherstapel am Schreibtischrand diejenigen Bücher herauszusuchen, die ihm gehörten. Papa zeigte sie ihm, es waren zwei oder drei, und in allen stand sein Name in kyrillischen Buchstaben. Er erklärte, daß es sich ausnahmslos um russische Klassiker handle. Der Gestapomann, der kein Wort Russisch verstand, blätterte die Bände durch und gab sich damit zufrieden.

Nach dem dritten Verhör wurde er wieder in den Keller gebracht. Jetzt bekam er sogar einen Teller dicke Suppe, aber er erfuhr kein Wort darüber, was mit ihm weiter geschehen solle. Er saß in der Zelle und wartete. Es ging bereits auf den Abend zu.

 

In der Zwischenzeit hatte sich zu Hause folgendes abgespielt: Nachdem Mama von der Verhaftung erfahren hatte, bat sie eine Nachbarin, Paula, Alex und mir telefonisch auszurichten, daß wir sofort nach Hause kommen sollten. Diese Benachrichtigung war sehr umständlich, weil es im ganzen Hinterhaus kein Telefon gab und die nächste Fernsprechzelle am Sauplätzchen auf der Freßgasse stand. Mama konnte selbst nicht gehen, denn sie mußte zu dieser Zeit schon dauernd im Bett liegen.

Bis zum Mittag waren wir alle zusammen und berieten, was jetzt zu tun sei. Was wir auch im einzelnen überlegten, verwarfen und aufs neue besprachen, wir waren äußerlich sehr ruhig, daran erinnere ich mich noch gut. Selbst die kranke Mama, deren unheilbares Leiden schon weit fortgeschritten war, reagierte nüchtern und ohne Panik.

Als erstes versuchten wir zu erfahren, ob die Angaben der unbekannten Frau stimmten und Papa tatsächlich von der Gestapo aus dem Betrieb geholt worden sei. Ich rief in der Firma an, und die Art, wie man meine Frage beantwortete, war eine Bestätigung für die Verhaftung. Wir packten ein kleines Köfferchen mit Papas Toilettensachen, etwas Wäsche und einem wollenen Pullover, und gegen zwei Uhr mittags meldete ich mich telefonisch bei der Gestapo in der Lindenstraße, um zu erfragen, wohin wir das Köfferchen bringen könnten. Papa mußte entweder noch bei der Gestapo oder bereits in einem Untersuchungsgefängnis sein. Man verweigerte mir jede Auskunft. Daraufhin nahm Paula das Köfferchen und ging damit in die Lindenstraße. Von uns waren es etwa fünfzehn Minuten Fußweg dorthin. Doch bald schon kam sie wieder zurück. Ein Gestapomann hatte ihr lediglich gesagt, wenn der Gesuchte tatsächlich bei ihnen zum Verhör oder in Untersuchungshaft sei, würden wir es schon früh genug erfahren.

Das war am späten Nachmittag. Nun gerieten wir wirklich in Panik, der eine stöhnte, der andere weinte, Mama lag im Bett mit einem gelblichbleichen Gesicht, und neben dem Bett auf einem Stuhl stand die Emailschüssel mit kaltem Wasser - aber Moissee war nicht da, der ihr sonst immer die naßkalten Tücher erneuerte -, und sie tauchte selbst von Zeit zu Zeit ein Handtuch ein, wrang es aus und legte es sich aufs Herz.

Mir gingen schreckliche Bilder durch den Kopf, man hatte mir oft genug von den sadistischen Verhörmethoden der Gestapo berichtet. Ich stellte mir vor, wie sie Papa anschnallten und schlugen, auf den Kopf, in den Magen, wie sie ihn traten, sah ihn blutend auf der Erde liegen, wimmernd und um Gnade flehend - und kein anderer Gedanke, kein anderes Bild hatte mehr in meinem Kopf Platz.

Mama schloß die Augen, und ihre blassen Lippen bewegten sich, murmelten lautlos, es schien, als unterhalte sie sich mit Papa, vielleicht nahm sie Abschied von ihm.

Es wurde dunkel, doch wir vergaßen, das Licht anzuschalten, wir warteten noch immer, saßen im Dunkeln und warteten.

 

Nach einer Zeit, die ihm endlos erschien, holte man Papa wieder aus dem Keller nach oben. Der Gestapobeamte, es war noch derselbe, der am Morgen mit dem Verhör begonnen hatte, sagte ihm, man wolle ihn laufen lassen und ihm auch weiter keine Bestrafung auferlegen, obwohl man sich darüber im klaren sei, daß er sich im Umgang mit den Fremdarbeiterinnen schwere Verfehlungen habe zuschulden kommen lassen. Diese Entscheidung falle nicht leicht, aber man meine, Papa sei kein Volksfeind, sondern nur zu gutmütig und habe falsches Mitleid mit den ihm anvertrauten Frauen, und daraus seien die Fehler entstanden, die er gemacht habe. Er habe nicht gelernt, daß man im Krieg andere Maßstäbe anlegen müsse als in Friedenszeiten. In seinem eigenen Interesse solle er in Zukunft vorsichtiger und mißtrauischer bei den Russinnen sein.

Am Ende mußte Papa noch ein Protokoll unterschreiben, das ihm vorgelesen worden war und in dem er versprach, niemandem etwas vom Inhalt des Verhörs mitzuteilen. Dann durfte er gehen. Zwölf Stunden hatte ihn die Gestapo festgehalten.

 

Gegen neun Uhr am Abend schlurfte jemand die Treppe hoch. Atemlos horchten wir, ob es Papa sei. Er mußte es sein, wir kannten seinen schweren, müden Schritt. Heute war er noch schwerer und langsamer.

Der Schlüssel ging im Schloß, und Papa kam ins Zimmer. Er ging behutsam auf Mama zu, beugte sich zu ihr nieder und küßte sie.

Dann küßte er uns Kinder, eines nach dem andern, als wolle er uns dabei abzählen. Er nahm die Emailschüssel, stellte sie auf die Marmorplatte der Frisierkommode und setzte sich selbst auf den Stuhl an Mamas Bett. Er legte die Hände in den Schoß, ließ den Kopf nach vorne fallen und sackte in sich zusammen.

»O Gott!« hauchte Mama leise - und wie auf ein Stichwort heulten wir los, alle miteinander.

Papa war von den Toten auferstanden.

 

Kaiserhof Strasse 12
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